Die Idee wird zu einer Maschine, die Kunst macht
Sol Le Witt

2 Theile Unschlittseife oder 2 Loth, 5 Theile reines weißes Wachs oder 5 Loth,
1/4 Theil ausgelassenes Unschlitt oder 1/4 Loth
1 Theil (oder mehr oder weniger nach Gutdünken) abgeriebenen,
aber trockenen Kienruß oder l Loth


So lautet die Rezeptur für »Chemische Kreide«, ein um 1800 vom Erfinder der „Chemischen Druckerey« gut gehütetes Geheimnis. Chemische Kreide als Fettgrund, eingesogen vom porösen Kalkstein, Druckträger der Zeichnung - endlich war ein Druckverfahren erfunden
worden, das in der Lage war, echte Halbtöne darzustellen. Illustrationen und Flächen konnten gleichermaßen wirtschaftlich und von hoher Qualität produziert werden.

Das von Alois Senefelder 1818 veröffentlichte „Lehrbuch der Steindruckerei« machte die „Kunst mit dem Stein zu drucken« frei von allen Geheimnissen. Fett und Wasser stoßen sich ab. Eine jahrtausendealte Erkenntnis wird seither genutzt, um die druckenden von den nichtdruckenden Teilen einer Druckform zu trennen. Im Gegensatz zu den physikalisch erklärbaren Hoch- bzw. Tiefdruckverfahren ist der Flachdruck ein Druckverfahren chemischer Prozesse in einer Druckformebene. Seife, Wachs und ausgelassenes Unschlitt, diese Materialien sind allesamt fetthaltig oder für die Konsistenz der »chemischen Kreide« verantwortlich, Kienruß ist schwarz, damit ich sehe, was ich da auf den Stein aufbringe.

Der Stein, ein Kalkstein aus Solnhofen (nur hier gibt es diese homogen porösen Kalk- steinplatten), mittlerweile oft ausgemustert in so manchem Garten, muss plan geschliffen und mit Alaun entsäuert sein. So präpariert saugt er das Fett der Lithokreide, der Lithotusche oder der Umdruckfarbe gerne ein. Jede fetthaltige Spur wird später zum Druckbild. Die nicht druckenden Teile müssen nun mit saurem Gummiarabicum wasseraufnahmefähig gemacht werden. Hier ist große Erfahrung und Umsicht notwendig, denn kein Zeichnungsteil soll verloren gehen. Als Techniken, die Zeichnung auf den Stein zu bringen, stehen zeichnen, spritzen, tangieren, gravieren, lavieren, umdrucken, schaben etc. zur Verfügung. Die Geschichte der Lithographie, der Einsatz und die experimentelle Weiterentwicklung dieser Techniken ist mit den namhaftesten Künstlern verbunden. Goya, Daumier, Manet, Lautrec,
Munch, Nolde, Barlach, Bracque, Mattisse, Picasso, Chagall, Wunderlich, Tapies etc. haben bewiesen, dass die flache Druckform dem künstlerischen Ausdruck wenig Grenzen setzt. Das
Zeichnungsmedium Fett ist für jede Technik optimal einstellbar.

Auf dem Stein zu zeichnen ist nach Senefelder einfach, da es »...mit eben der Leichtigkeit geschiehd wie auf Papier...«. Mir geht es vor dem geschliffenen Stein allerdings eher wie Picasso »ich habe Angst vor ihm, ich wage nicht ihn anzurühren«. Und doch muss es geschehen, die homogene weiße Fläche wird mit Fett gestört, das künstlerische Sujet wird aufgetragen. Nun zum Druck des bezeichneten und präparierten Steins. Das zu bedruckende Papier wird gefeuchtet; der Stein wird mit Terpentin ausgewaschen (der Kienruß wird entfernt, das Fett bleibt auf dem Stein); der Stein wird leicht gefeuchtet; die fettige Stein- druckfarbe wird mit der Handwalze gleichmäßig aufgetragen; das feuchte Papier wird auf den Stein passgenau aufgelegt; ein Deckel wird aufgelegt, Rindertalg zur Schmierung wird aufgestrichen, der Reiber meiner 140jährigen »Mailänder« wird mit etwa 900 kg aufgepresst; jetzt der Druckvorgang - der Wagen mit dem Stein wird unter dem Reiber durchgeschoben. Die Stundenleistung liegt zwischen zehn und zwanzig Drucken je nach Sujet und Motivgröße.

Fett und bildende Kunst werden sofort mit dem provokativpolitischen Ideenkünstler Joseph Beuys in Verbindung gebracht. Beuys nannte die Entwicklung des menschlichen Be- wusstseins »einen plastischen Vorgang« und riss mit dieser Idee das Fett aus der undank- baren Rolle nur Übertragungsmedium von chemisch-physikalischen Vorgängen oder Bindemittel von Farbpigmenten zu sein. Dies führte natürlich zu Irritationen um den Kunstbegriff, die durch folgende Äußerung von Beuys verstärkt wurden: »Ich behaupte, dass dieser Begriff >soziale Plastik< eine völlig neue Kategorie der Kunst ist ...Ich schrei' sogar; es wird keine brauchbare Plastik mehr hinieden geben, wenn dieser soziale Organismus als Lebewesen nicht mehr da ist. Das ist die Idee des Gesamtkunstwerks, in dem jeder Mensch ein Künstler ist«.
Soweit das Originalzitat, das häufig nur verkürzt mit »jeder ist ein Künstler«   zitiert wird.

Aber zurück zum Fett.

Ein Fettklumpen ist ein Fettklumpen ist ein Fettklumpen.
Hier Fett als plastischer Vorgang der Bewusstmachung, da
Fett als analoger Vermittler meiner gestalterischen Absicht,
meiner experimentellen Intuitionen, meines Seins und
Befindens.

Alles Kunst?
Picasso antwortete auf die Frage, was denn Kunst sei:
»Wenn ich das wüsste, würde ich es nicht weitersagen
«.